Was ein einzelner Ziernagel verrät

Meldung vom 8. März 2021,
Allgemein

Eröffnung von Haus Stöcker im LWL-Freilichtmuseum Detmold für Sommer geplant.

Während das Haus Stöcker auf der Baustelle von außen schon fast fertig aussieht, laufen die Innenarbeiten im LWL-Freilichtmuseum Detmold auf Hochtouren. Bevor das neue Gebäude aus der Baugruppe des Siegerländer Weilers Ende Juli eröffnet werden kann, gibt es im Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) noch einiges zu tun. Und auch so manche Überraschung hält das Haus bereit.

Drinnen wird an vielen Stellen fleißig Hand angelegt: Die Steinrestauratoren setzen das Ziegelsteinpflaster im ehemaligen Stall ein und die Holzrestauratoren kümmern sich um den Einbau von Dielenfußböden und Türen. Dabei gab es eine besondere Entdeckung: Gebäuderestaurator Bernd Brückmann stieß bei der Zuordnung der Türen zu den entsprechenden Zimmern auf einen Nagel in einem Brett, der ganz offensichtlich nicht zur Befestigung im Türrahmen gedacht war. Es war ein Ziernagel, der aus dem Brett herausschaute, während alle anderen Nägel wie üblich versenkt waren. „Nagelspuren sind wie ein Fingerabdruck und damit individuell zu erkennen“, erklärt der Gebäuderestaurator. Durch die Position im oberen rechten Drittel des Türrahmens deutet der Ziernagel darauf hin, dass es sich dabei um eine Befestigung einer Mesusa-Kapsel handeln könnte.

Das ist eine längliche Kapsel, die am Türrahmen jüdischer Häuser oder Wohnungen angebracht wird. Sie enthält ein eingerolltes Pergamentstück mit Abschnitten aus der Tora. Daher begab sich Brückmann auf die Suche nach weiteren Ziernägeln und wurde nochmals fündig: Zwei weitere original erhaltene Türrahmen waren damit versehen.

„Durch bereits durchgeführte Untersuchungen in den Archivalien und an den Fachwerkbalken wissen wir, dass das Haus 1797 auf einem Grundstück in Burgholdinghausen im Kreis Siegen-Wittgenstein von dem Juden Benjamin Moses erbaut wurde. Es ist damit der erste nachweisbare jüdische Hausbau in dem Kreis. Der jetzige Fund der Ziernägel mehrerer Mesusa-Kapseln ist deshalb ein ganz besonderer Beleg für uns“, erklärt Museumsdirektor Prof. Dr. Jan Carstensen. Einen ähnlichen Befund gab es bereits im Haus Uhlmann von 1803/04, das seit 2007 im Paderborner Dorf des Museums zu sehen ist und das Leben und die Ermordung einer jüdischen Familie zu Zeiten der nationalsozialistischen Diktatur verdeutlicht.

Neben den Arbeiten auf der Baustelle bereiten die Restaurierungswerkstätten des Museums bereits die Türen und erste Möbelstücke für ihren Wiedereinzug in das Haus Stöcker vor. Mithilfe einer sogenannten Farbtreppe untersuchen sie beispielsweise die verschiedenen Farbschichten einer Zimmertür. Dafür entnehmen sie zunächst eine kleine Farbprobe, um diese unter dem Mikroskop zu untersuchen. So können die Expert:innen genau analysieren, um wie viele einzelne Farbschichten es sich handelt. Diese legen sie im Anschluss in Form einer Farbtreppe frei. In einem nächsten Schritt werden die Lebensereignisse der ehemaligen Bewohner für die Einordnung der Farbschichten hinzugezogen, um ungefähr zu ermitteln, wann eine neue Lackierung aufgetragen wurde.

„Nach einer genauen Untersuchung der Farbschichten entscheiden wir unter Berücksichtigung der zeitlichen Einordnung, welche Farbe die Tür zukünftig wieder erhalten wird“, erklärt Bauhistoriker Dr. Hubertus Michels. „Die Untersuchungsfelder an den jeweiligen Türen werden aber auch nach ihrem Einbau weiterhin für die Museumsgäste sichtbar bleiben, um sie an dem Untersuchungsbefund teilhaben zu lassen.“

Herbert Stöcker, der mit seiner Familie das zweistöckige Fachwerkhaus bis 1959 bewohnte, war ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf, was dem Museumsteam heute bei der Einrichtung des Hauses zugutekommt. „Auf Fotos aus den Jahren 1956/57 können wir die Einrichtung erkennen und anhand von Beschreibungen der Zeitzeuginnen Jutta und Annette Stöcker einige Objekte sogar mit ihrer Modellnummer bestimmen“, so Carstensen. „Daher wissen wir beispielsweise, dass sich die Familie Stöcker von ihrem Hochzeitsgeld unter anderem eine vollautomatische Waschmaschine der Firma Miele kaufte. Ein sehr modernes Haushaltsgerät, das sich nur sehr wenige Familien im ländlich geprägten Westfalen um 1950 leisteten. Gerade die elektrischen Geräte der Familie, wie der früh angeschaffte Fernseher geben uns daher einen Eindruck vom Aufbruch in die 1960er Jahre“, erklärt der LWL-Museumsdirektor. Gerade das Leben von Annette Stöcker um 1960 wird im Mittelpunkt der Präsentation stehen. Alle weiteren Entwicklungen im Innenausbau können Interessierte bis zur Eröffnung im Sommer auf dem Baublog mitverfolgen: http://www.lwl-freilichtmuseum-detmold.de/de/blog/

Hintergrund:
Das Fachwerkhaus wurde 1797 durch den Juden Benjamin Moses erbaut. Nach seinem Tod 1831 wurde das Haus an Mitglieder der Familie Moses verpachtet, bevor es etwa ab 1860 die Familie Stöcker für fast 100 Jahre bewohnte, zuletzt Herbert und Annette Stöcker mit ihrer Tochter Jutta. 1963 erwarb das LWL-Freilichtmuseum Detmold das leerstehende Haus und baute es bis 1966 am alten Standort in Burgholdinghausen ab. Im Juni 2018 erfolgte der erste Spatenstich und der Beginn des Wiederaufbaus in der Baugruppe „Siegerländer Weiler“ des LWL-Freilichtmuseums Detmold. Die Eröffnung ist für Ende Juli geplant.

Foto: LWL

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